Nostalgie in den Bergen

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Armenien – eines der ältesten christlichen Nationen lebt seit Jahrtausenden in den bergigen Regionen des Kaukasus, aber auch außerhalb davon. Der Legende nach hat König Trdat III Gregor den Erleuchter 13 Jahre lang in einer Höhle festgehalten, um ihm vom christlichen Glauben abzubringen. Der König wurde irgendwann geistig krank und nachdem ihm ein Engel im Traum erschien, der ihm sagte, dass nur Gregor der Erleuchter heilen könne, ließ der König den Heiligen frei, woraufhin dieser ihn heilte und König Trdat III das Christentum in Armenien zur Staatsreligion erhob. Viele Armenier wirken stolz auf diese und weitere Geschichten und ihre nationale Identität scheint stark verwurzelt zu sein in der Armenisch-Apostolischen Kirche, die eben eine nationale Kirche ist.

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Von Nationalstolz bekamen wir aber so gut wie gar nichts mit. Wenn ich an Armenien denke, bleiben stattdessen eine beispiellose Gastfreundschaft, Gemütlichkeit, wunderschöne Landschaften und ein entschleunigter Lebensstil in Erinnerung.

Wenn ich von Entschleunigung spreche, dann meine ich damit die ruhige und stille Atmosphäre, die sowohl von der beeindruckenden, meist trockenen Gebirgslandschaft ausgeht, als auch von den Städten und Dörfern, die darin eingebettet liegen und die mit ihren Plattenbauten und ihren alten russischen Autos einen starken sowjetischen Charme versprühen.

Eine Besonderheit zahlreicher armenischer Autos ist, dass sie aufgrund eingeschränkter wirtschaftlicher Aktivitäten Armeniens mit seinen Nachbarländern, nicht mit Benzin, sondern mit Gas betrieben werden. Das bedeutet zumindest für öffentliche Verkehrsmittel wie Busse, dass man während des Tankvorganges an der Tankstelle das Fahrzeug verlassen muss, anschließend aber natürlich wieder einsteigen darf. Komisch war es aber schon mitzuerleben, wie an der Tankstelle plötzlich alle ausstiegen, so als wären wir schon an der Endhaltestelle angekommen.

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Wenn ich von Gastfreundlichkeit rede, dann erzähle ich besser folgende Anekdoten:

Kurz nachdem wir die Grenze nach Armenien überquert hatten und uns an die Straße stellten, hielt ein Wagen an, in dem ein armenisches Ehepaar saß, dass uns nicht nur viele Kilometer ins Landesinnere mitnahm, sondern uns auch dazu einlud, im Hause ihrer Familie zu Abend zu essen und bei ihnen zu Hause zu schlafen. Wir nahmen das Angebot an und fanden uns kurz darauf wieder in der Gesellschaft einer Großfamilie mit vielen Kindern, Großeltern und leckerem Essen, das an die türkische Küche erinnerte. Es gab aber auch wieder einmal viel Alkohol.

Am nächsten Tag bekamen wir noch ein leckeres Frühstück serviert, wurden durch die Stadt geführt und zum Busbahnhof chauffiert, von wo aus wir unsere Fahrt fortsetzten. Die nächsten zwei Nächte konnten wir umsonst in einem Holzbungalow am Sevansee übernachten, weil die Mitarbeiter der Tourismusanlage dort nicht wollten, dass wir draußen im Zelt schlafen. Sie meinten, es wäre zu kalt in dieser Jahreszeit. Im gewissen Sinne hatte er Recht: Es war zwar nicht zu kalt, aber dafür sehr ungemütlich draußen, denn an beiden Abend gab es ein Gewitter mit Regen.

Als wir dann bei Regen und Nebel durch das armenische Hochland zur armenisch-iranischen Grenze trampten, nahmen uns zwei sehr freundliche, gut englisch sprechende Armenier in ihrem Firmenwagen mit bis in die nächste Ortschaft. Ihre Gastfreundschaft ging aber noch weit darüber hinaus: So boten sie uns an, uns noch bis zu ihrem Firmensitz eine Ortschaft weiter mitzunehmen. Wir müssten dafür aber etwa eine halbe Stunde warten, da sie etwas zu erledigen hätten. Wir willigten ein, woraufhin die Beiden uns zu einem Restaurant brachten, uns etwas Leckeres zu essen bestellten und dieses auch noch bezahlten. Es ist nicht so, als hätten wir jede Geste der Gastfreundschaft und jede Einladung einfach so widerstandslos angenommen! Allerdings war es bisher an allen Orten, an denen wir uns aufhielten schwierig, Einladungen abzuschlagen. Die Menschen waren nämlich stets von Herzen freigiebig und wollten uns unbedingt beschenken.

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Wir waren also nun im nebligen, kühlen Grenzgebirge zum Iran und unsere nächste Etappe stand kurz bevor. Die Kälte und der Nebel machte uns das Warten auf ein Auto, das uns mitnahm, zwar wirklich lang, aber wir hatten auch diesmal Glück: Ein PKW-Fahrer stoppte und nahm uns bis zur iranischen Grenze mit, wo es wieder warm und der Himmel klar war.

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Allerdings dämmerte es auch schon, als wir an der iranischen Grenze ankamen. Das Grenzprozedere war wieder einmal alles andere, als schön: Die Beamten auf der armenischen Seite wirkten angespannt und überarbeitet und auf der iranischen Seite wurden wir beim Geldwechseln in einer offiziellen Wechselstube um etwa 100€ betrogen, da wir nur den offiziellen Wechselkurs kannten, der von der iranischen Regierung herausgegeben wurde und im Internet kursiert, nicht aber den inoffiziellen, der im ganzen Land gilt. Nun ja … Diese negative Erfahrung sollte auf keinen Fall repräsentativ sein für die Menschen im Iran, so dass wir also optimistisch und mit Vorfreude in dieses aufregende Land starteten.

Was Armenien betrifft, so waren wir viel zu kurz in diesem Land. Armenien hat viel zu bieten an authentischer Atmosphäre. Hier kann man noch am normalen Alltag der Menschen teilnehmen, ohne irgendetwas inszeniert zu finden, denn dieses kleine, unscheinbare Land ist touristisch kaum erschlossen. Ich hoffe, dass ich eines Tages wiederkommen werde!

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